Vom 9. bis 14. April 2018 hat unsere Dozentin Jutta Geier mit Studierenden in Kooperation mit der Bundeswehr eine Exkursion nach Polen durchgeführt.
Hier können Sie sich über das Programm informieren.

Die Studentinnen Marie-Luise Fritzsch, Sophia Schaffrath, Annika Richter, Natalie Neidhard und Lea Troglauer haben nach der Exkursion einen Bericht geschrieben, welchen wir an dieser Stelle veröffentlichen möchten:

 

Polen – Ein Land der inneren Zerrissenheit

Wir leben in einer Welt der Globalisierung, in der internationale Beziehungen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Um dieses Phänomen hautnah mit zu erleben und um auch einmal mehr als die deutsche Perspektive kennen zu lernen, starteten wir am 09.04.2018 zusammen mit 25 Studenten, mit  Jutta Geier, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedrich- Alexander Universität im Fachbereich der Sozialkunde, und zwei Hauptleuten (sic!) der Bundeswehr zu einer Exkursion nach Polen. 

Organisiert und teilweise finanziert wurde die Reise von der deutschen Bundeswehr, weshalb wir uns an dieser Stelle auch noch einmal recht herzlich bei den Beteiligten bedanken möchten. Durch sie war es uns möglich äußerst komfortabel in dem uns zur Verfügung gestellten Bundeswehrbus inklusive zwei Fahrern die Kilometer nach Warschau (unser erster Halt) hinter uns zu bringen. Dort besuchten wir unter anderem die deutsche Botschaft, das Parlament, die Konrad-Adenauer Stiftung, sowie eine nationale Zeitungsredaktion. Während unserer Besuche wurde uns die Möglichkeit geboten, direkt von Abgeordneten, Ministern und Politikern über die momentane politische- und gesellschaftliche Lage Polens informiert zu werden. Kritische Äußerungen und Bemerkungen wurden stets gern gesehen und zumeist ehrlich und ausführlich beantwortet.

Parlament

 

 

 

 

 

Nach den interessanten, aber auch anstrengenden vier Tagen in Warschau ging unsere Reise weiter nach Krakau, wo wir die letzten zwei Tage unseres Aufenthalts im Nachbarland Polen  verbrachten. Dort angekommen, konnten wir uns dank einer abwechslungsreichen Stadtführung von der Schönheit Krakaus überzeugen, wobei jeder der uns vorgestellten Orte sinnbildlich für die Vergangenheit Polens steht  und uns einen Einblick in die Vielschichtigkeit des Landes bot. Zurück aus der Vergangenheit und direkt hinein in die Gegenwart, hieß es dann in der Cracow-University, in welcher wir durch höchst interessante und abwechslungsreiche Vorträge  das Polen 2018 näher gebracht bekamen. Anders als zuvor ging es hierbei jedoch eher um die wirtschaftliche Situation und wie diese die Politik beeinflussen kann.

Krakau 1Krakau 2

 

 

 

 

 

Einen traurigen, jedoch auch zutiefst aufrüttelnden Höhepunkt unserer Exkursion bildete der Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz auf der Rückfahrt, bei welchem wir hautnah miterleben konnten, welche Qualen und Demütigungen Juden, Sinti und Roma und noch so viele andere ethnische Gruppen unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten erdulden mussten.

Auschwitz 2Auschwitz 2

 

 

 

 

 

 

Aufgrund der sehr eindrücklichen Bilder und Vitrinen verließ niemand aus unserer Gruppe das KZ ohne einen Kloß im Hals oder zumindest das Gefühl tiefer Betroffenheit.

Da die politischen Beziehung Polens mit der EU und der NATO und das Konzentrationslager Auschwitz im Mittelpunkt standen, möchten wir auf diese Aspekte im Folgenden noch etwas näher eingehen.

Polen in der EU

Eines der meistdiskutierten Themen in der polnischen Politik und im Volk ist die Rolle Polens in der EU und die damit einhergehenden Pflichten und Rechte. Über diese komplexe Thematik wurden wir sowohl in der deutschen Botschaft, als auch im Parlament, der Zeitungsredaktion, der Cracow-University und der Konrad-Adenauer Stiftung aufgeklärt, um so verschiedene Meinungen berücksichtigen zu können.

Während Polen wirtschaftlich vollends in die EU integriert ist, was sich vor allen in den Im- und Exportzahlen zeigt, kann man aus politischer Sicht einige Unstimmigkeiten feststellen, die sich vor allem auf drei Dimensionen erstrecken. Zuerst lohnt es sich das Ganze einmal aus der strategischen Ebene zu betrachten, denn aufgrund der Ansichten der regierenden nationalkonservativen  PiS-Partei kommt es zu einer fortschreitenden Ent-Europäisierung Polens. Ziele sind dabei die größere Selbstständigkeit und das Durchsetzungsvermögen  innerhalb der EU, sowie die Beschränkung der Integrationsambitionen zu Gunsten der Bildung einer „Union souveräner Staaten“. Belastend kommt dann auch noch der Rechtsstreit Polens mit der EU auf der zweiten Ebene hinzu, bei dem es darum geht, inwieweit Polen das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit einhält. All diese Probleme gipfeln schließlich in der dritten und letzten Ebene, bei der die zunehmende Disharmonie zwischen den polnischen Interessen bzw. der polnischen Regierung und dem europäischen Verständnis von „guter Politik“  in den Mittelpunkt gerückt wird. Insgesamt prägen vor allem die die Souveränität betonende Rhetorik und die Stärke konservativer Werte die polnische Politik. Die Frage, wie es mit der Politik Polens nach einem eventuell bevorstehenden Machtwechsel weiter gehen kann, bleibt weiterhin offen.

Polens Rolle in der NATO

Unumstritten ist die Tatsache, dass wesentliche Punkte der polnischen Außenpolitik mit dem Beitritt zur NATO erfüllt oder zumindest vorangetrieben wurden. Einer dieser Punkte ist das Verhältnis zu Russland, aber auch anderen ehemals sowjetischen Ländern in Europa. Durch die Initiative „Östliche Partnerschaft“ hat es Polen geschafft, die osteuropäischen Staaten stärker in Vernetzungen der EU in den Bereichen, der Wirtschaft, Energie und Demokratie einzubeziehen. Problematisch an der ganzen Sache ist jedoch die Tatsache, dass sich die russische Regierung durch eben jene Bemühungen Polens in ihrer Rolle als „Machthaber“ im postsowjetischen Raum bedroht fühlt, was zunehmend belastend auf die polnisch-russischen Beziehungen wirkt. Insgesamt kann man von einem veränderten Sicherheitskontext Russlands sprechen, da diese den Westen als Quelle künftiger Bedrohungen sieht und deshalb intensiv in die Entwicklung neuer Militärprogramme investieren. Dies führt zu neuen Spannungen innerhalb der polnisch-russischen Nachbarschaft, da Russland von einer zunehmenden Europäisierung Polens ausgeht. Die NATO findet immer wieder klare Worte gegen die russische Regierung und das russische Militär. Aktuell wären an dieser Stelle Ereignisse wie das vorgeworfene Einmischen in die US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen oder die Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien zu nennen. Zudem führen die an der Grenze zu den östlichen NATO-Staaten stationierten Waffen und die unangekündigten Truppenübungen russischer Militärkräfte zu einer steigenden Unsicherheit Polens. Deshalb wird der von Polen geforderte Dialog der beteiligten Staaten in den nächsten Monaten und Jahren wohl noch um einiges wichtiger werden, um so den Frieden und das Gefühl von Sicherheit innerhalb Europas zu garantieren. Zusammenfassend kann man also festhalten, dass Polen in seinem Selbstverständnis als mitteleuropäisches Land in gewisser Weise zwischen den Stühlen sitzt. Im Westen der Großteil der NATO-Bündnispartner, sowie die damit einhergehenden Verpflichtungen und im Osten Russland mit seinem ausgebauten Militärapparat.

Konzentrationslager Auschwitz

Das Konzentrationslager Auschwitz stellte in seiner Rolle als Massenvernichtungslager ein neues Maß an menschlicher Grausamkeit dar. Genau aus diesem Grund ist es heute im 21. Jahrhundert ein internationales Symbol für Terror und die Folgen blinden Vertrauens in die Machthaber eines Staates. Es besteht aus insgesamt zwei Komplexen, dem Stammlager (Auschwitz I) und dem Lager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II), welches dann zu einem Zentrum der Massenvernichtung ausgebaut wurde. Im Jahre 1941/42 begannen an diesem Ort die systematischen Vernichtung von mindestens 1,1- 1,5 Millionen Menschen, darunter waren mehr als die Hälfte Juden, aber auch Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Häftlinge anderer Nationalitäten. Der Alltag im KZ war geprägt von Willkür, Mord, Hunger, Folter, Schwerstarbeit, sowie Krankheiten und Epidemien, welche durch die unhygienischen Umstände in den meisten Fällen zum Tod führten. Die Gefangenen kamen massenweise in Einzel- oder Sammeltransporten an, danach begann die Selektion von „arbeitsfähigen“ und „arbeitsunfähigen“ Personen, welche 70-80% eines Transportes darstellten und direkt in einer der dafür vorgesehen Gaskammern ermordet wurden. Eine Besonderheit an Auschwitz stellte die Tätowierung der Gefangenennummer auf dem Unterarm dar, wodurch eine spätere Identifizierung des Leichnams erleichtert wurde. Als im Jahre 1945 die Rote Armee Auschwitz erreichte und das Lager befreit wurde, waren bis auf 7000 Menschen alle Häftlinge ermordet.

 

Auch nach Abschluss unserer sechstägigen Exkursion nach Polen werden uns die vor Ort gewonnenen Eindrücke und Informationen erhalten bleiben. Gerade in unserem politischen Studiengang wird uns das erworbene Wissen weiterhelfen und uns bei Themengebieten wie der EU und der NATO behilflich sein. Alle mitgereisten Studenten kamen übereinstimmend zu dem Fazit, dass eine so hohe Wissensdichte gekoppelt mit persönlichen Erlebnissen nur durch eine Exkursion zu erreichen ist. Zwar bestand schon vor der Reise ein solides Grundwissen über die Lage Polens, jedoch verschaffte uns das Gespräch mit direkt involvierten Personen wie z.B. Abgeordneten eine ganz neue Tiefe. Dies bot uns den Blick aus verschiedenen Sichtweisen, was die Erfüllung des Kontroversitätsgebotes des „Beutelsbacher Konsens“ überhaupt erst ermöglichte und uns somit gleichzeitig zu besseren LehrerInnen machen wird.

(© Fotographiert hat Christof Peer.)